Dr. Gernot Brockmann erklärt, wann bei Schmerzen im Brustkorb das Herz dahinterstecken kann
Herzbeschwerden ruhig und gründlich einordnen

Brustschmerzen – wann steckt das Herz dahinter?

Schmerzen, Druck oder ein ungewohntes Gefühl im Brustkorb machen vielen Menschen Angst. Der Gedanke an einen Herzinfarkt ist schnell da. Im hausärztlichen Alltag kommen solche Beschwerden jedoch sehr häufig von Rücken, Muskeln, Rippen, Magen oder Stress.

Trotzdem darf man sich darauf nicht vorschnell verlassen. Die wenigen gefährlichen Verläufe gilt es zuverlässig zu erkennen. Dabei helfen mir meine Erfahrung aus zehn Jahren Herzchirurgie, die körperliche Untersuchung, ein hochwertiges Ruhe- und Belastungs-EKG sowie Point-of-Care-Labor direkt in der Praxis.

Brustschmerzen kurz eingeordnet:
Schmerzen oder Druck im Brustkorb kommen häufig von Muskeln, Rücken, Rippen, Magen oder Stress. Verdächtiger auf eine Herzerkrankung sind neu auftretender Druck oder Enge bei körperlicher Belastung, besonders zusammen mit Luftnot, Übelkeit, Kaltschweißigkeit oder einem neuen Leistungsknick. Wichtig: Auch Herzprobleme können atypisch oder in Ruhe auftreten – das Beschwerdemuster allein kann eine Herzerkrankung nicht sicher ausschließen.
10 Jahre Herzchirurgie Körperliche Untersuchung Ruhe-EKG Belastungs-EKG POCT-Labor
Das Häufige ist häufig. Den einen Patienten, bei dem eben nicht Rücken, Magen oder Stress hinter den Beschwerden stecken, dürfen wir trotzdem nicht übersehen.
Akuter Notfall: Bei starken oder neuartigen Beschwerden mit Luftnot, Kaltschweißigkeit, Übelkeit, Ohnmacht, Kreislaufproblemen oder schwerem Krankheitsgefühl bitte sofort den Rettungsdienst unter 112
Ruhig bleiben, ohne zu verharmlosen

Warum ich bei Herzbeschwerden besonders ruhig werde

Viele Patienten kommen mit großer Sorge in die Praxis. Ich werde in dieser Situation meist besonders ruhig – nicht, weil ich ihre Symptome unterschätze, sondern weil ich nach einem klaren Schema vorgehe.

In der Herzchirurgie habe ich schwere Gefäßerkrankungen bei Rauchern und Menschen mit vielen Risikofaktoren gesehen. Ich habe aber auch Bergsteiger, Ausdauersportler und Patienten operiert, die nie geraucht und sehr gesund gelebt hatten.

Ein guter Lebensstil senkt das Herz-Kreislauf-Risiko erheblich. Er kann eine Erkrankung jedoch nicht vollständig ausschließen. Auch Alter, familiäre Belastung und genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle.

Meine Haltung: Ich beurteile nicht nur ein EKG. Ich beurteile den Menschen, seine Geschichte, seine Belastbarkeit, seinen körperlichen Eindruck und die Frage, ob am Ende alle Puzzleteile zusammenpassen.
Anatomisches Herz mit EKG-Kurve
Erst Beschwerden, Untersuchung, EKG, Labor und Verlauf ergeben ein belastbares Gesamtbild.

Was steckt häufig hinter Schmerzen und Druck im Brustkorb?

Herz, Speiseröhre, Wirbelsäule, Rippen, Muskeln und Nerven liegen räumlich eng beieinander. Deshalb können sich völlig unterschiedliche Ursachen erstaunlich ähnlich anfühlen.

Rücken, Muskulatur und Rippen

Verspannungen, Blockierungen der Brustwirbelsäule, gereizte Rippen-Gelenke und Interkostalnerven sind im hausärztlichen Alltag besonders häufig.

Solche Schmerzen können stechen, ziehen und bis in Schulter oder Arm ausstrahlen. Das verunsichert verständlicherweise, weil auch Herzbeschwerden ausstrahlen können.

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Magen und Speiseröhre

Reflux, eine gereizte Speiseröhre oder Luft im Magen können Brennen, Druck und Schmerzen hinter dem Brustbein hervorrufen.

Allein anhand der Stelle lässt sich deshalb nicht immer erkennen, ob Herz, Magen oder Brustwand der Auslöser sind.

Stress und Schlafmangel

Stress kann Muskelanspannung, schnelle Atmung, Herzklopfen, Reflux und eine verstärkte Wahrnehmung körperlicher Signale verursachen. Die Beschwerden sind dabei real.

Die Erklärung „Stress“ sollte trotzdem nicht vorschnell gewählt werden, solange relevante körperliche Ursachen nicht sinnvoll eingeordnet wurden.

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Herz und Herzbeutel

Eine koronare Herzkrankheit, ein akutes Koronarsyndrom, eine Entzündung des Herzbeutels oder andere kardiale Erkrankungen können Schmerzen, Luftnot oder einen ungewohnten Leistungsknick verursachen.

Lunge und Gefäße

Auch Lungenentzündung, Rippenfellentzündung, Pneumothorax oder Lungenembolie können mit Schmerzen und Luftnot einhergehen. Bei plötzlicher Atemnot verändert sich die Dringlichkeit deutlich.

Gürtelrose und Nerven

Eine Gürtelrose kann bereits vor dem sichtbaren Ausschlag einseitige, brennende oder stechende Beschwerden entlang eines Hautsegments auslösen.

Herpes Zoster und Gürtelrose

Ein Schmerzort ist noch keine Diagnose. Verlauf, Belastungsabhängigkeit, Bewegung, Begleitsymptome und körperliche Untersuchung sagen häufig mehr aus als die betroffene Stelle allein.

Brustschmerzen in Ruhe oder bei Belastung – wann spricht es eher für das Herz?

Brustschmerzen in Ruhe, bei Bewegung oder auf Druck

Symptome, die ausschließlich in Ruhe auftreten, sich durch bestimmte Bewegungen verändern oder durch Druck auf Brustkorb und Muskulatur auslösen lassen, passen häufig eher zu Rücken, Rippen, Nerven, Reflux oder Stress.

Das ist zunächst beruhigend, beweist aber für sich allein noch keine harmlose Ursache.

Brustschmerzen bei Belastung oder Treppensteigen

Ein wiederkehrender Druck oder eine Enge beim Treppensteigen, zügigen Gehen oder Sport, die in Ruhe nachlassen, machen eine Durchblutungsstörung des Herzens verdächtiger.

Besonders aufmerksam werde ich bei zusätzlicher Luftnot, Übelkeit, Kaltschweißigkeit oder neuer Leistungsminderung.

Keine feste Ausschlussregel: Auch eine gefährliche Herzerkrankung kann in Ruhe auftreten, atypisch verlaufen oder nur geringe Schmerzen verursachen. Das Beschwerdemuster hilft bei der Einordnung, ersetzt aber keine ärztliche Untersuchung.

Wann sind Brustschmerzen gefährlich? Diese Warnzeichen sind wichtig

Die Schmerzstärke allein sagt erstaunlich wenig über die Gefahr aus. Menschen haben eine unterschiedliche Schmerztoleranz und nehmen körperliche Signale sehr verschieden wahr. Wichtiger sind die Begleitsymptome und der gesamte Eindruck.

Besonders aufmerksam werde ich bei:

  • neuer oder zunehmender Luftnot
  • Kaltschweißigkeit oder auffälliger Blässe
  • Druck, Enge oder schwerem Gewicht auf der Brust
  • Beschwerden bei körperlicher Belastung
  • Übelkeit, Erbrechen oder ausgeprägter Schwäche
  • Kreislaufproblemen, niedrigem Blutdruck oder Ohnmacht
  • plötzlichem Beginn mit hoher Intensität
  • einer deutlich verschlechterten Belastbarkeit
  • bekannter Herz- oder Gefäßerkrankung

Bei älteren Menschen, Frauen und Menschen mit Diabetes können Herzprobleme weniger typisch verlaufen. Manchmal stehen nicht Schmerzen, sondern Luftnot, Erschöpfung, Übelkeit oder ein ungewohnter Leistungseinbruch im Vordergrund.

Medizin beginnt vor dem ersten Messwert

Bevor ich auf das EKG schaue, schaue ich den Menschen an

Der klinische Eindruck beginnt für mich bereits in dem Moment, in dem ein Patient den Raum betritt. Wie bewegt er sich? Wie spricht und atmet er? Kann er ganze Sätze sprechen? Wirkt er erschöpft, blass, kaltschweißig oder ungewöhnlich unruhig?

Ich schaue Menschen bewusst in die Augen. Nicht, weil man dort eine sichere Diagnose ablesen könnte. Aber Wachheit, Blickkontakt, Angst, Pupillen und die Art, wie jemand reagiert, gehören für mich zum Gesamtbild.

Ein EKG kann ich auswerten. Einen Menschen muss ich erleben. Kein einzelner Blick stellt eine Diagnose. Die Summe vieler kleiner Eindrücke hilft jedoch dabei, Dringlichkeit und nächsten Schritt besser einzuschätzen.
EKG-Elektroden bei der Untersuchung von Herzbeschwerden
Technische Diagnostik ist wichtig. Sie beginnt aber immer mit dem Menschen, seiner Geschichte und der Untersuchung.

Warum die körperliche Untersuchung unverzichtbar bleibt

Ich taste den Puls, messe Blutdruck und Sauerstoffsättigung, höre Herz und Lunge ab und achte auf Atmung, Hauttemperatur, Durchblutung und mögliche Wassereinlagerungen.

Gleichzeitig untersuche ich Brustkorb, Rippen, Muskulatur, Schultergürtel und Wirbelsäule. Lässt sich der Schmerz durch Druck, Bewegung, tiefes Einatmen oder eine bestimmte Körperhaltung auslösen? Das kann eine Ursache aus dem Bewegungsapparat wahrscheinlicher machen.

Was ich unmittelbar beurteile

  • Allgemeinzustand und Wachheit
  • Hautfarbe und Schweiß
  • Atemfrequenz und Atemarbeit
  • Pulsfrequenz und Rhythmus
  • Blutdruck und Sauerstoffsättigung
  • Herz- und Lungengeräusche

Was für Brustwand oder Rücken sprechen kann

  • durch Druck auslösbare Beschwerden
  • Veränderung bei Bewegung oder Drehung
  • verspannte oder druckschmerzhafte Muskulatur
  • Zusammenhang mit Haltung oder Belastung des Rückens
  • Schmerzverstärkung beim tiefen Einatmen
Warum ich bei ungeklärten Herz- und Lungenbeschwerden keine reine Videomedizin bevorzuge: Im Video fehlen Tastbefund, Hauttemperatur, Abhören, Pulsqualität, vollständige Vitalparameter und der unmittelbare körperliche Eindruck. Für Befundbesprechungen kann Telemedizin sinnvoll sein. Bei akuten oder unklaren Symptomen reicht sie mir nicht.

Diagnostik: mehrere Bausteine statt eines einzelnen Tests

Nicht jeder Patient benötigt automatisch sämtliche Untersuchungen. Welche Schritte sinnvoll sind, richtet sich nach Beginn und Art der Beschwerden, Begleitsymptomen, Belastbarkeit, Vorerkrankungen, Risikofaktoren und dem klinischen Eindruck.

1Zuhören

Beginn, Dauer, Auslöser, Belastungsabhängigkeit, Ausstrahlung, Begleitsymptome und familiäre Risiken.

2Untersuchen

Allgemeinzustand, Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Herz, Lunge, Brustkorb, Muskulatur und Wirbelsäule.

3Gezielt messen

Je nach Situation Ruhe-EKG, Belastungs-EKG, Point-of-Care-Labor oder weitere Diagnostik.

4Entscheiden

Ambulante Behandlung, Verlaufskontrolle, fachärztliche Abklärung oder sofortige Klinikeinweisung.

Schließt ein normales EKG eine Herzerkrankung oder einen Herzinfarkt aus?

Das Ruhe-EKG liefert innerhalb kurzer Zeit wichtige Informationen über Herzrhythmus, Herzfrequenz, Erregungsleitung und mögliche Veränderungen der Herzdurchblutung.

Ein eindeutig auffälliger Befund kann die weitere Entscheidung beschleunigen. Ein unauffälliges oder nicht eindeutig verändertes EKG schließt jedoch nicht jede relevante Herzerkrankung und auch nicht jedes akute Koronarsyndrom sicher aus.

Deshalb gilt: Ich bewerte das EKG immer zusammen mit Beschwerden, Untersuchungsbefund, Zeitpunkt, Belastbarkeit, Risikoprofil und gegebenenfalls Laborwerten.
Moderne EKG-Sauganlage in der Hausarztpraxis am Romanplatz
Das moderne EKG-System unserer Praxis ermöglicht eine schnelle und technisch saubere Ableitung.

Belastungs-EKG: Was geschieht, wenn das Herz arbeiten muss?

Manche Symptome treten erst beim Treppensteigen, zügigen Gehen oder Sport auf. Ein Belastungs-EKG kann in ausgewählten Situationen zeigen, wie Herzfrequenz, Blutdruck, Rhythmus und EKG unter körperlicher Belastung reagieren.

Wann es hilfreich sein kann

  • wiederkehrende Beschwerden bei körperlicher Belastung
  • unklare Belastungsluftnot
  • Beurteilung von Herzfrequenz und Rhythmus
  • ungeklärter Rückgang der Leistungsfähigkeit
  • ausgewählte Verlaufskontrollen

Was es nicht leisten kann

  • nicht jede koronare Herzerkrankung sicher ausschließen
  • kein Ersatz für Notfalldiagnostik
  • bei bestimmten Ausgangs-EKGs eingeschränkt beurteilbar
  • nicht bei jedem Patienten und jeder Situation geeignet
Eine einfache Frage liefert oft schon einen ersten Hinweis: Wie haben Sie die Treppe zur Praxis geschafft? Eine gute Belastbarkeit ist beruhigend, aber kein vollständiger Ausschluss. Ein neuer deutlicher Leistungsknick ist dagegen besonders wichtig.

Troponin, D-Dimere und NT-proBNP bei Brustschmerzen

Bei ausgewählten Beschwerden können bestimmte Laborwerte innerhalb kurzer Zeit zusätzliche Sicherheit geben. Kein Wert funktioniert jedoch losgelöst von Symptomen, Untersuchungsbefund, Vortestwahrscheinlichkeit und dem Zeitpunkt der Blutabnahme.

Laborwert Wobei er helfen kann Wichtige Grenze
Troponin Hinweis auf eine Schädigung von Herzmuskelzellen, besonders bei Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom Ein sehr früher negativer Wert kann je nach Symptombeginn eine relevante Schädigung noch nicht sicher ausschließen.
D-Dimere Unterstützung beim Ausschluss einer Thrombose oder Lungenembolie in geeigneten Risikokonstellationen Der Wert ist unspezifisch und nur zusammen mit der klinischen Wahrscheinlichkeit sinnvoll.
NT-proBNP Unterstützung bei der Frage nach einer Herzinsuffizienz, besonders bei Luftnot oder Leistungsknick Alter, Nierenfunktion, Herzrhythmus und weitere Erkrankungen können den Wert beeinflussen.
CRP und Blutbild Hinweise auf Infekt, Entzündung, Blutarmut oder alternative Ursachen Unspezifische Werte, die immer im Zusammenhang mit Beschwerden und Untersuchung beurteilt werden.
Elektrolyte Mögliche Erklärung für Schwäche, Herzklopfen oder Rhythmusstörungen Natrium, Kalium und Magnesium müssen zusammen mit Medikamenten und Flüssigkeitshaushalt bewertet werden.
Schilddrüsenwerte Mögliche Ursache von Herzrasen, Unruhe, Rhythmusstörungen oder Leistungsminderung Die Interpretation hängt von TSH, freien Hormonen, Beschwerden und Medikation ab.
Ein negativer Einzeltest ist kein Freifahrtschein. Wenn Symptome, körperlicher Eindruck und Messwert nicht zusammenpassen, muss weiter untersucht, kontrolliert oder direkt in eine Klinik eingewiesen werden.

Herzrasen und Herzstolpern: beängstigend, aber nicht automatisch gefährlich

Ein schneller oder unregelmäßiger Herzschlag macht vielen Menschen große Angst. Häufige Auslöser sind Stress, Schlafmangel, Fieber, Flüssigkeitsmangel, Kaffee, Medikamente, Schilddrüse oder eine normale Sinustachykardie.

Auch Extrasystolen werden oft als dramatisch empfunden, obwohl sie bei einem strukturell gesunden Herzen häufig gutartig sind. Entscheidend ist nicht allein das Gefühl, sondern die Ursache.

Eher beruhigend

  • kurze Episoden ohne weitere Beschwerden
  • klarer Zusammenhang mit Stress oder Aufregung
  • stabiler Kreislauf und gute Belastbarkeit
  • plausibler und unauffälliger EKG-Befund

Genauer abklären

  • Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht
  • deutliche Luftnot oder Druckgefühl
  • anhaltend sehr hohe Herzfrequenz
  • neu aufgetretener unregelmäßiger Puls
  • Auftreten während körperlicher Belastung
  • bekannte strukturelle Herzerkrankung
Die Ursache entscheidet über die Gefährlichkeit. Puls, EKG, Dauer, Auslöser, Kreislauf, Begleitsymptome und Vorerkrankungen sind wichtiger als das subjektive Erschrecken allein.

Luftnot und Kaltschweißigkeit sind eine andere Hausnummer

Ein Patient mit lokalem, bewegungsabhängigem Stechen ist anders zu beurteilen als jemand, der blass, kaltschweißig und kurzatmig vor mir sitzt. Luftnot, Kreislaufprobleme und ein deutlich reduzierter Allgemeinzustand verändern die Dringlichkeit erheblich.

Die Ursache muss nicht zwingend das Herz sein. Auch Lungenembolie, Pneumothorax, Infektion, Asthma, starke Blutarmut, Flüssigkeitsmangel oder andere Erkrankungen können Atemnot auslösen.

Bitte sofort 112 rufen: bei akuter starker Luftnot, Brustdruck mit Kaltschweißigkeit, Ohnmacht, Bewusstseinsstörung, bläulichen Lippen, Kreislaufkollaps oder plötzlich schwerem Krankheitsgefühl.

Am Ende muss das Gesamtbild passen

Manche nennen es Bauchgefühl. Für mich ist es ein klinischer Gesamteindruck aus Geschichte, körperlicher Untersuchung, Atmung, Haut, Puls, EKG, Labor und Verlauf.

Das Bild ist stimmig

Beschwerden und Befunde passen zu einer plausiblen, eher harmlosen Ursache. Dann kann ich erklären, behandeln und einen sinnvollen Verlauf vereinbaren.

Irgendetwas passt nicht

Einzelne Befunde wirken beruhigend, der Mensch vor mir aber nicht. Oder Symptome und Messwerte passen nicht zusammen. Dann untersuche ich weiter oder veranlasse die nächste Stufe der Abklärung.

Erfahrung ersetzt keine Diagnostik. Sie entscheidet aber manchmal darüber, ob man trotz eines zunächst beruhigenden Befundes noch einmal genauer hinschaut.
Aus meiner hausärztlichen Praxis

Praxisfall: Das EKG war unauffällig – der Patient war es nicht

Anonymisierter Praxisfall

Ein Patient kam zu mir, weil er seit einiger Zeit deutlich weniger belastbar war und bei körperlicher Anstrengung Schmerzen entwickelte.

Das Ruhe-EKG zeigte keinen eindeutigen akuten Befund. Trotzdem machte der Patient auf mich keinen guten Eindruck. Der neue Leistungsabfall, die belastungsabhängigen Beschwerden und sein Allgemeinzustand passten nicht zu einer harmlosen Erklärung.

Das Point-of-Care-Labor bestätigte diesen Eindruck: Das Troponin war deutlich erhöht. Damit war klar, dass der Patient umgehend kardiologisch weiterbehandelt werden musste.

Die kardiologische Abteilung der Barmherzigen Brüder liegt direkt gegenüber unserer Praxis. Ich stellte eine Krankenhauseinweisung aus und begleitete den Patienten persönlich über den Romanplatz.

Etwa auf halber Strecke blieb er stehen und sagte:

„Herr Doktor, ich kann nicht mehr weitergehen.“

Ich ließ ihn sich setzen, ging in die Klinik, holte einen Rollstuhl und brachte ihn damit direkt in die Notaufnahme.

Die Kollegen dort waren zunächst überrascht, weil sie es nicht gewohnt waren, dass ein Hausarzt seinen Patienten persönlich bringt. In dieser Situation war es jedoch der schnellste und sicherste Weg: Die Klinik liegt nur wenige Schritte von unserer Praxis entfernt.

Einige Wochen später kam der Patient wieder zu mir. Er war inzwischen im Deutschen Herzzentrum München behandelt worden – meiner früheren Wirkungsstätte.

Dort war eine hochgradige Hauptstammstenose festgestellt worden. Der Patient hatte eine koronare Bypassoperation mit drei Bypässen erhalten.

Das EKG war nicht eindeutig auffällig. Der Patient war es trotzdem. Ein einzelner zunächst beruhigender Befund darf den klinischen Gesamteindruck nicht überstimmen. Erst Beschwerden, Belastbarkeit, körperliche Untersuchung, EKG und Labor ergeben gemeinsam ein belastbares Bild.
Diese Erfahrung begleitet mich bis heute: Ein unauffälliges oder nicht eindeutig verändertes Ruhe-EKG ist beruhigend. Es ersetzt aber niemals die Beurteilung des Menschen, der vor mir sitzt.

Was ich Patienten nach der Untersuchung erklären möchte

Mein Ziel ist nicht, hinter jedem Stechen sofort einen Herzinfarkt zu vermuten. Genauso wenig möchte ich eine gefährliche Ursache vorschnell als Verspannung, Stress oder Magenproblem abtun.

Gefährliches erkennen

Warnzeichen, klinischer Eindruck, Risikoprofil und gezielte Diagnostik helfen dabei, dringliche Verläufe möglichst zuverlässig herauszufiltern.

Häufiges verständlich erklären

Wenn Rücken, Muskeln, Rippen, Reflux oder Stress die Beschwerden plausibel erklären, sollen Patienten verstehen, warum diese Einschätzung sinnvoll ist.

Angst sinnvoll reduzieren

Sicherheit entsteht nicht durch einen einzelnen Messwert, sondern durch ein stimmiges Gesamtbild und einen klaren Plan für den weiteren Verlauf.

Erst wenn das Gesamtbild passt, bin ich wirklich beruhigt. Wenn Beschwerden, Untersuchung und Messwerte nicht zusammenpassen, suche ich weiter oder veranlasse die nächste Stufe der Abklärung.

Häufige Fragen zu Schmerzen, Druck und Enge im Brustkorb

Kommen Schmerzen im Brustkorb meistens vom Herzen?

Nein. Im hausärztlichen Alltag entstehen solche Beschwerden häufig durch Muskeln, Brustwirbelsäule, Rippen, Nerven, Magen, Speiseröhre oder Stress.

Je nach Verlauf, Begleitsymptomen und Risikoprofil müssen gefährliche Ursachen trotzdem gezielt eingeordnet werden.

Spricht ein kurzes Stechen eher gegen einen Herzinfarkt?

Ein kurzes, punktuelles oder bewegungsabhängiges Stechen passt häufiger zu Brustwand, Muskulatur oder Nerven als zu einer typischen Angina pectoris.

Eine sichere Diagnose lässt sich allein aus der Schmerzqualität jedoch nicht ableiten.

Sind Beschwerden ausschließlich in Ruhe ungefährlich?

Nein, nicht automatisch. Symptome nur in Ruhe passen häufig zu Muskeln, Reflux, Nerven oder Stress.

Auch relevante Herzerkrankungen können jedoch in Ruhe auftreten. Neue oder ungeklärte Beschwerden sollten deshalb ärztlich eingeordnet werden.

Was spricht eher für Rücken, Rippen oder Verspannung?

Hinweise sind Bewegungsabhängigkeit, Veränderung durch Haltung, Druckempfindlichkeit und verspannte Muskulatur.

Auch eine Auslösung durch Drehbewegung oder tiefes Einatmen kann für Brustwand oder Bewegungsapparat sprechen.

Können Rückenbeschwerden in Schulter oder Arm ausstrahlen?

Ja. Beschwerden aus Hals- oder Brustwirbelsäule, Schultergürtel, Muskulatur und Nerven können bis in Schulter und Arm ziehen.

Da auch Herzbeschwerden ausstrahlen können, zählt immer das gesamte klinische Bild.

Kann Stress echte körperliche Beschwerden auslösen?

Ja. Stress kann Muskelanspannung, schnelle Atmung, Herzklopfen, Reflux und eine verstärkte Wahrnehmung körperlicher Signale verursachen.

Die Symptome sind real. Die Erklärung „Stress“ sollte aber nicht vorschnell gewählt werden, wenn neue Warnzeichen bestehen.

Ist Herzrasen automatisch gefährlich?

Nein. Die Gefährlichkeit hängt von Rhythmus, Dauer, Kreislauf, Begleitsymptomen und Vorerkrankungen ab.

Bei Ohnmacht, Luftnot, Schmerzen, anhaltend sehr hoher Frequenz oder bekanntem Herzleiden ist eine zeitnahe Abklärung wichtig.

Schließt ein normales Ruhe-EKG einen Herzinfarkt aus?

Nein. Ein normales oder nicht eindeutig verändertes Ruhe-EKG ist beruhigend, schließt ein akutes Koronarsyndrom aber nicht in jeder Situation sicher aus.

Beschwerden, Zeitpunkt, Risikoprofil, körperlicher Eindruck und gegebenenfalls Troponin und Verlauf müssen mitbeurteilt werden.

Schließt ein negatives Troponin einen Herzinfarkt sicher aus?

Das hängt unter anderem vom verwendeten Test und vom zeitlichen Abstand zum Symptombeginn ab.

Bei sehr früher Blutabnahme kann eine Verlaufskontrolle notwendig sein. Der Wert darf nicht isoliert beurteilt werden.

Wann sind D-Dimere sinnvoll?

D-Dimere sind besonders bei niedriger oder mittlerer klinischer Wahrscheinlichkeit für Thrombose oder Lungenembolie hilfreich.

Sie können bei vielen anderen Erkrankungen erhöht sein und sind deshalb kein allgemeiner Suchtest für jede Form von Schmerzen oder Luftnot.

Warum ist die persönliche Untersuchung so wichtig?

Atmung, Haut, Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Herz- und Lungengeräusche sowie die Untersuchung von Brustkorb und Muskulatur liefern Informationen, die in einer reinen Videosprechstunde fehlen.

Ist ein plötzlicher Leistungsknick einfach das Alter?

Nicht automatisch. Ein neuer Leistungsabfall kann unter anderem durch Herz- oder Lungenerkrankungen, Infekte, Blutarmut, Schilddrüsenstörungen, Flüssigkeitsmangel oder Medikamente entstehen.

Besonders ein rascher oder deutlich spürbarer Rückgang sollte ärztlich abgeklärt werden.

Wann sollte ich sofort 112 anrufen?

Bei starken oder neuartigen Beschwerden mit Luftnot, Kaltschweißigkeit, Übelkeit, Ohnmacht, Kreislaufproblemen, Bewusstseinsstörung oder schwerem Krankheitsgefühl bitte sofort den Rettungsdienst unter 112 verständigen.

Beschwerden, die Herzklopfen, Luftnot oder Leistungsknick mitverursachen können

Blutarmut und Blutwerte

Ein niedriger Hämoglobinwert kann Müdigkeit, Herzklopfen, Luftnot und verminderte Belastbarkeit verursachen.

Hb-Wert zu niedrig

Blutwerte verständlich erklärt

Flüssigkeit und Elektrolyte

Flüssigkeitsmangel und Veränderungen von Natrium, Kalium oder Magnesium können Puls, Kreislauf und Herzrhythmus beeinflussen.

Dehydrierung erkennen

Elektrolyte im Blut

Schilddrüse, Stress und Schlaf

Schilddrüsenstörungen, anhaltender Stress und schlechter Schlaf können Herzrasen, Unruhe und Erschöpfung verstärken.

Schilddrüsenwerte verstehen

Cortisol und Stress

Schlafqualität verbessern

Hausarztpraxis am Romanplatz

Herzbeschwerden und ungeklärte Symptome einordnen lassen

Bei nicht akut lebensbedrohlichen, aber neuen oder wiederkehrenden Beschwerden verbinden wir Anamnese, körperliche Untersuchung und – je nach Situation – Ruhe-EKG, Belastungs-EKG und Point-of-Care-Labor.

Bitte nennen Sie bei der Anmeldung ausdrücklich Schmerzen oder Druck im Brustkorb, Luftnot, Herzrasen oder einen akuten Leistungsknick. So können wir die Dringlichkeit besser einschätzen.

Dr. med. Gernot Brockmann
Facharzt für Allgemeinmedizin
Zehn Jahre Erfahrung in der Herzchirurgie
Hausarztpraxis am Romanplatz
Romanplatz 9, Rückgebäude
München-Neuhausen/Nymphenburg

Kein Ersatz für den Rettungsdienst: Bei akuten starken Beschwerden, Luftnot, Kaltschweißigkeit, Ohnmacht, Kreislaufproblemen oder schwerem Krankheitsgefühl bitte sofort 112 wählen.
Dr. Gernot Brockmann berät eine Patientin zu Herzbeschwerden und Schmerzen im Brustkorb
Zuhören, untersuchen und gezielt messen: für eine ruhige und nachvollziehbare Einordnung.

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